Kinderwunsch
“Was? Ja! Nein! OK hör zu, du musst …” Aufdringliche Wortfetzen schallen durch den kleinen Laden in unserer Straße, der auch sonntags geöffnet hat. Hier können sich gestresste Bewohner des Berliner Bötzowviertels, das für seine vielen Singles, aber auch seinen Kinderreichtum bekannt ist, noch mit allen notwendigen Dingen versorgen, die man am Sonntag Vormittag gern hätte aber beim Großeinkauf für das Wochenende vergessen hat. Es ist gerade kurz vor 12 Uhr, der Laden wird gleich schließen und es ist rappelvoll. Singles fragen noch schnell nach Cerealien, frischen Croissants, Milch und dem SPIEGEL, Papas mit kleinen Kindern nach Salatgurken, Staubsaugertüten oder einem Überraschungsei.
“Jahaa, ich habe mit Pascal gesprochen, wir kommen gleich vorbei, dann bringt er die Installations-CD mit …” Ohne die Verkäuferin anzusehen knallt der Mittdreißiger seinen Einkauf auf die Ladentheke. “Nein, lass am besten die Finger davon, ich habe dir doch …” Während der Typ durch die Verkäuferin hindurch sieht, die ihm gerade seinen Einkauf in mehreren Tüten verstaut, steht ein kleiner, vielleicht zweijähriger Junge neben ihm an der Theke und versucht an die Lollis neben der Kasse ranzukommen. “Mann eh!” fährt der Telefonmann den Kleinen an, der erschrocken zurückweicht und seinen Papa, der ein Bund Möhren in der Hand hält, hilfesuchend ansieht. Immernoch lautstark telefonierend bezahlt der Mann, greift seine Sachen und verschwindet grußlos Richtung Ladentür. Dabei stolpert er über den soeben verscheuchten Jungen. “Eh, latsch mir nicht vor die Füße verdammt!” entfährt es ihm hasserfüllt, ehe er zu seiner Verabredung enteilt. Für einen Moment herrscht betretenes Schweigen im Laden und ich denke: ‘Ich wünsche dir Kinder …’