Beneidenswert

BalkonSeit Tagen habe ich an der Korrektur von Klausuren gesessen. Heute, am Sonntag, kommt meine Familie wieder zurück, die ich kurzentschlossen evakuiert hatte, da ich in Zeiten wie diesen unerträglich bin. Es ist 10:30 Uhr. Während ich über den letzten Arbeiten brüte, schweift mein Blick nach draußen und bleibt an einem Balkon des gegenüber liegenden Hauses hängen. Ein Pärchen, das unlängst in die Wohnung eingezogen ist, deckt gerade den Frühstückstisch und setzt sich in die wärmende Sonne. Ich stelle mir vor, was es wohl zu essen gibt: Frische, noch warme Brötchen und Croissants, dazu Konfitüre mit Fruchtstückchen oder vielleicht Nussnougatcreme, ein Glas frisch gepressten Orangensaft und eine Tasse Kaffee. Beneidenswert, denke ich und wende mich wieder den Klausuren zu.

Was habe ich den Schülern nur für einen dämlichen Text gegeben? Offensichtlich konnte kaum einer etwas damit anfangen und so muss ich viele Kommentare an den Rand schreiben, was viel Zeit kostet.
Kurz nach dem Mittag bin ich fertig und mache mich nun an die Beseitigung der Spuren meines knapp einwöchigen Junggesellendaseins. Das Pärchen auf dem Balkon ist mit seinem Frühstück inzwischen auch fertig und zur Zeitungslektüre übergegangen - beneidenswert.

Ich kämpfe mich durch den ungewaschenen Wäscheberg, stopfe den Geschirrspüler mit dem Geschirr der vergangenen Woche voll (es ist schon erstaunlich, wie viel Geschirr man so zur Verfügung hat) und räume alles wieder an seinen Platz - oder zumindest dahin, wo ich vermute, dass alles seinen Platz hat. Ein Kontrollblick beim Wäsche aufhängen zum Balkonpärchen - das hat gerade Besuch bekommen, die Sonnenbrillen aufgesetzt und trinkt Kaffee - beneidenswert.

Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal derart relaxt einen Sonntag mit meiner Frau verbracht habe. Das muss irgendwann vor meinem Berufseinstieg und der Geburt unseres ersten Sohnes gewesen sein, und das liegt schon fast fünf Jahre zurück.
Gerade, als ich mich ein bisschen bemitleiden möchte und denke, was das noch für Zeiten waren, als man nur sich selbst genügen und auf niemanden Rücksicht nehmen musste, geht die Tür auf und mein fünfjähriger Sohn kommt herein: “Papa, Papa! Sieht mal, was ich dir mitgebracht habe!”

Was wohl das Pärchen jetzt denken müsste…

29. Mai 2005, Kategorie Leben | RSS | Trackback

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