Besser wird’s nicht mehr
Vor einem viertel Jahr hielt ich die Adresse von meinem alten Kumpel Wolfgang in den Händen. Es war einer jener Zettel, die sich an meiner Pinwand stapeln und mich an eine dringend zu erledigende Aufgabe erinnern sollten.
Ich erinnere mich noch an meine erste Begegnung mit Wolfgang. Es war zu Beginn des Studiums 1990. Der Seminarraum war hoffnungslos überfüllt, aber als er zur Tür hereinkam, rückten alle für ihn noch ein bisschen zusammen. Er hatte sogar einen persönlichen Stuhlträger. Als einer der ersten Mutigen hielt er ein vorbildliches Referat über die Ausgrabungen von Heinrich Schliemann in Troja. Anschließend kaufte ich mir ein Buch zu dem Thema.
Die ersten Semester begegneten wir uns ständig in Vorlesungen, Seminaren oder der Bibliothek und so kamen wir ins Gespräch über Herodot, Richard Wagner oder „The big Lebowski“, seinen damaligen Lieblingsfilm. Er schien ein unermessliches Wissen zu haben und hatte offenbar alle Zeit der Welt, sich zu belesen und mit den Dingen zu beschäftigen. Er war ein witziger Typ, wobei sein näselndes Sächsisch zusätzlich für Belustigung sorgte.
Wolfgang hatte ein Privileg, das nur sehr wenigen zuteil wurde: Er durfte sein Auto direkt im Innenhof der Universität abstellen. Sein Auto war ein wirklich cooler Schlitten und hatte einige Extras. Abgesehen von Automatic-Getriebe, Super-Servolenkung und automatischer Türöffnung hinten hatte sein Wagen dort, wo andere das Gaspedal haben, die Bremse und dort, wo normalerweise die Bremse ist, das Gaspedal. Leider hatte sein umgebauter Golf auch einige Macken, sodass er ständig in die Werkstatt musste. Einmal erzählte er unter der Anteilnahme zahlreicher Mitstudentinnen, dass er an einem Wochenende für eine kurzzeitige Teilsperrung einer Spur der Autobahn Berlin-Dresden gesorgt hätte, weil sein Auto liegen geblieben sei und umgesetzt sowie abgeschleppt werden musste.
Technisch war Wolfgang bestens ausgerüstet. Er hatte einen fixen Rechner und schon seit Mitte der Neunziger Jahre einen Internetzugang. Er war häufig online und versorgte mich damals mit zahlreichen Surftipps. Eines Tages strahlte er mich an und berichtete mir, dass er die halbe Nacht gechattet und dabei ein Mädchen kennen gelernt hätte. Gut, er habe ein bisschen geflunkert, was sein Äußeres anginge, aber man könne sich ja erstmal kennen lernen.
So richtig Glück hatte er wohl bis dahin bei den Frauen nicht gehabt, denn Wolfgang war in bestimmter Weise anders als andere, ohne daran etwas ändern zu können: Er wog zum damaligen Zeitpunkt etwa vierzig Kilo und war mit Mitte Zwanzig bereits an einen Rollstuhl gefesselt. Einem mitleidigen Dozenten, der ihm gute Besserung gewünscht hatte, antwortete er: „Besser wird’s nicht mehr.“ Er hatte Muskelschwund, eine Krankheit, bei der sich alle Muskeln zurückbilden und irgendwann ihren Dienst versagen. Schon damals ging er mit einer Apparatur ins Bett, die seinen nächtlichen Atem überwachte und ihn notfalls mit Sauerstoff versorgen sollte.
Vor zwei Jahren wollte ich mich mal wieder bei Wolfgang melden. Mit dem Ende meines Studiums und dem folgenden Stress im Referendariat hatte ich unsere Freundschaft vernachlässigt. Seine Emailadresse an der Uni funktionierte nicht mehr, vielleicht hatte er in der Zwischenzeit sein Studium abgeschlossen. Auch seine alte Telefon- und Handynummer war nicht mehr vergeben. Seltsam, denn Wolfgang war sonst immer über alle Kanäle erreichbar.
Er hatte mir erzählt, dass er nach dem Studium vielleicht wieder nach Dresden zu seinen Eltern zurückgehen würde. Ein Blick ins Telefonbuch ergab siebzehn Einträge mit seinem Nachnamen, also beschloss ich abzuwarten, bis er sich melden würde.
Irgendwann hatte ich es nicht mehr ausgehalten und dann vor einem viertel Jahr beim „Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten“ eine Auskunft aus dem Melderegister beantragt. Heute endlich kam der Brief, auf den ich lange gewartet habe. Die maschinell erstellte Auskunft bestätigte eine dunkle Vorahnung:
Wolfgang wurde 30 Jahre alt.