Liebesbrief von Lisa

Manchmal hat das Lehrerdasein auch sehr lustige Seiten. So überreichten mir vor kurzem zwei Schüler mit einem breiten Grinsen zu Stundenbeginn einen Zettel, den offensichtlich jemand in der vorherigen Stunde liegen gelassen hatte. Es war ein Dialog in Schriftform folgenden Inhalts:

Na, ich denk gerade an Romeo, weißt schon, der aus der 10. Ein bisschen jung für mich, aber so süß.

Ich hab gehört, der soll ein guter Liebhaber sein! Da ist es doch egal, dass er jünger ist. Was hast du denn jetzt mit ihm vor? Willst du ihn ansprechen?

Weißt doch, dass ich so schüchtern bin und was ist, wenn er schon von meinem schlechten Ruf als Lustmolch gehört hat? Aber egal, werd ’s wohl irgendwann wagen! Doch wie nur? Ich bin ja nicht geil oder so, aber meinste, er hatte schon mal Sex?

Ich glaub’ schon, dass er eine ganze Menge Erfahrung hat, so heiss, wie der aussieht! Außerdem brauchst du doch nicht schüchtern zu sein, wir sind 13. Klasse. Am besten du sprichst ihn mal an, oder du hinterlässt ein Briefchen für ihn und machst ein Date klar! Wenn du ganz verzweifelt bist, dann kann ich ihn ansprechen.

Oh, würdest du das wirklich für mich tun? Du bist echt meine allerbeste Freundin, nach Tina, Clara, Nora, Kristin und Zoe. Aber was willst du sagen? “Eh Romeo, du, die Lisa aus der 13. würde gerne mal deine Bücher tragen”, oder was?

Es kommt darauf an, was du von ihm willst! Kreuze an:

hemmungsloser Sex   |   du willst mit ihm gehen

         X     und Liebe

Belustigt und verärgert zugleich geriet ich zunächst ins Grübeln, wie langweilig mein Unterricht wohl sein müsse, wenn zwei Ladies die Zeit für das Verfassen solcher Pamphlete haben. Andererseits - wo die Liebe hinfällt…
Stutzig machte mich nur der Name der einen Schreiberin, denn eine Lisa habe ich nicht im Kurs, es gibt im gesamten 13. Jahrgang keine Lisa! Außerdem saß auf dem Platz, an dem der Zettel gefunden wurde, vorher ein männlicher Vertreter der Schülerschaft! So konnte ich zunächst die Urheberin nicht identifizieren.
Am nächsten Tag streute ich so ganz nebenbei im Gespräch mit ein paar Schülern während der Hofpause das Gerücht, dass Lisa ein gewisses Interesse an Romeo aus der 10. hegen würde. Sofort hatte ich den boulvardesken Instinkt der Schüler geweckt. Wir konnten aber auch gemeinsam nicht klären, wer die geheimnisvolle Lisa sein könnte. Sie versicherten mir aber, dass sie das früher oder später für mich herausfinden würden.
Es war gerade eine Unterrichtsstunde vergangen, da lief mir eine Schülerin meines Grundkurses über den Weg und klärte mich auf. Da wir in der fraglichen Stunde zu Gast in einem fremden Klassenraum waren, wo die Schüler ihre Sachen auf den Plätzen hatten liegen lassen, stöberten sie und ihre Nachbarin in einem Hausaufgabenheft, das auf den Boden gefallen war und offensichtlich Romeo gehörte. Da kamen sie auf die Idee, ihm einen “Liebesbrief von Lisa” zu hinterlassen, der ihm die Schamesröte ins Gesicht treiben sollte.
Vielleicht sollte ich den Brief wieder auf seinen Platz schmuggeln…

19. November 2005, Kategorie Schule | RSS | Trackback

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