Das lakedaimonische Prinzip
Es kommt selten vor, dass ich alte Bücher aus meiner Studienzeit aus dem Regal hole, aber eine Nachricht aus dem Radio veranlasste mich heute, den alten Xenophon zu bemühen, der in seiner Hellenika über den Peloponnesischen Krieg (431-404 v.Chr.) berichtete. Die beiden Konkurrenten Athen und Sparta kämpften um die Vorherrschaft auf der Peloponnes. Das siegreiche Sparta zwang Athen, seine “langen Mauern”, das Symbol seiner Macht, zu schleifen:
„Nach der Annahme der Friedensbedingungen fuhr Lysander in den Peiraieus ein [...], und man begann mit Freude, die Mauern unter der Begleitmusik von Flötenspielerinnen einzureißen, da man glaubte, dass mit jenem Tag der Anfang der Freiheit für Hellas begonnen habe.“ (Xenophon, Hellenika, II 2,23)
Die einst stolze Polis Athen erlangte nie wieder eine solche Macht, wie sie sie sich durch den Mauerbau geschaffen hatte.
Seit heute ist es “terminiert”: Der Palast der Republik wird in den nächsten Wochen abgerissen zurückgebaut. Erst verließ die Volkskammer wegen der angeblich hohen Asbestverseuchung fluchtartig das Gebäude. Dann wurde es für Millionen saniert, um anschließend nackt und bloß über Jahre einen äußerst hässlichen Anblick zu bieten. Das blieb (politisch gewollt) nicht ohne Folgen: Der Bundestag beschloss 2003 den Abriss. Zwar gab es Zwischennutzungskonzepte und der Palast wurde für kurze Zeit zu einem “hippen” Veranstaltungsort, aber alles Hoffen war umsonst.
Mein Herz hängt im Gegensatz zu einigen anderen nicht daran und wirklich schade ist es um das Skelett auch nicht mehr. Nur wie die Sache lief, zeigt, dass sich Geschichte wohl doch manchmal wiederholen kann. Der Abriss des Palastes ist aus historischer Sicht ebenso bedenklich wie die Sprengung des alten Schlosses an gleicher Stelle. Hier war der Ort, an dem die erste frei gewählte Volksvertretung der DDR nach der Wende ihre Arbeit aufnahm.
In etwas mehr als einem Jahr ist vermutlich im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Sache gewachsen. Dann pfeift der Wind ungehindert über den Schlossplatz und wird erst vom Wiederaufbau Nachbau des Stadtschlosses gebremst werden.
Ob das Folgende tröstlich oder erschreckend ist? Bei Xenophon ist auch nachzulesen, dass die Lakedaimonier später vom Glück verlassen wurden und Sparta in der Bedeutungslosigkeit versank…
30. Mai 2006 um 14:43
Den Palast der Republik mit den langen Mauern Athens zu vergleichen, ist etwas abenteuerlich. Letztere waren ein strategisches Erfordernis zur Sicherung der Verbindung der Stadt Athen mit dem Piräus, seinem überlebenswichtigen Hafen. Der Abbruch der langen Mauern bedeutete also die Verletzlichkeit Athens bezüglich seiner Versorgung mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen und damit eine entscheidende Beeinträchtigung seiner Machtbasis, als die er auch beabsichtigt war. Der Palast der Republik in Berlin war dagegen lediglich ein häßlicher Prestigebau auf den Grundmauern des alten Hohenzollernschlosses, der architektonisch nie in seine Umgebung paßte, eine ständige städtebauliche Provokation in der Mitte Berlins, sein Abriß ist schon ein ästhetisches Erfordernis. Das hat nichts mit einer Triumphgeste zu tun, ganz im Gegensatz zu Ulbrichts Schloß-Sprengung.
30. Mai 2006 um 23:36
In obigem Artikel ging es mir um das Schleifen/Zerstören eines Symbols. Insofern ist der Palast der Republik nicht weit von den Mauern von Athen zu finden.
Für jemanden, der wie ich diesseits der (berliner) Mauer geboren ist und die kulturvollen Seiten des Palastes kannte, drängt sich die “Triumphgeste” nahezu auf. Aber das ist ein anderes Thema…