Wie Geschichten weiter gehen

Vorgestern Abend um diese Zeit beobachtete ich eine Herde Orcas, die synchron ihre Fluken nach oben richteten und über dem Wasser zu schweben schienen. Ich beobachtete sie eine ganze Weile, aber weder die Orcas noch die albernen Blubberfische, noch das Seegras auf den Vorhängen vor dem großen Fenster veränderten ihre Position. Ich lag in einem Kinderkrankenhaus in Berlin und konnte nicht einschlafen. Nicht wegen meines Kindes, das ich hier betreute - das war schon längst auf dem Weg der Besserung - sondern wegen der Geschichten, die ich erlebt oder gehört hatte, die so unglaublich aber vermutlich auch so alltäglich sind: Von einem kleinen anderhalb jährigen Jungen mit einem Tumor im Bauch, einem Jugendlichen der schon eine Chemotherapie hinter sich hatte oder von dem kleinen Max - ich nenne ihn hier so - von dem ich bis zum Schluss nicht wusste, aus welchem Grund er hier war, der aber eine komplizierte Geschichte haben musste.

Als ich am Sonntag das Krankenzimmer betrat, in welchem mein Sohn seinen Brechreiz auskurierte, kam ein kleiner Zwerg auf mich zu und bot mir Prügel an: “Soll ich dich boxen? Ich schlag’ dich tot!” Dieses kleine Scheusal war mir auf Anhieb unsympathisch, daran konnte auch seine Mitleid erregende verkrüppelte Gestalt nichts ändern. Mit dem sollten mein Sohn und ich also das Zimmer teilen! Nach einer Weile kamen wir ins Gespräch und ich fragte ihn, warum er hier sei. “Ich bin gar nicht krank, meine Mama ist krank, die liegt selbst im Krankenhaus.”

Nachdem eine Schwester ihn gewaschen und ins Bett gebracht hatte, wurde die Vorderfront des Bettes bis nach oben geschoben und arretiert. Max saß nun wie in einem Käfig. “Kannst du mein Gefängnis aufmachen?” fragte er kleinlaut, als wir zu Dritt waren. Das wollte ich natürlich auf gar keinen Fall, aber der Junge begann mir Leid zu tun. Der Versuch, den beiden Jungs noch eine Einschlafgeschichte vorzulesen, scheiterte an seinem sprechenden Spongebob und lautstarken Zwischenrufen. Er war sowas offensichtlich nicht gewohnt.

“Morgen kommt der Pejay, der hat eine Pistole und ist ganz stark. Der verprügelt dich!” drohte mir der Kleine, als ich das Licht ausmachen und ins Bett gehen wollte. “Wer ist denn der Pejay?” wollte ich wissen. “Das ist der, den meine Mama so lieb hat.” Erst nach 22:00 Uhr kehrte Ruhe in unserem Zimmer ein, nachdem der Kleine eingesehen hatte, dass er seinem “Gefängnis” nicht entkommen konnte und ich ein kleines Notlicht brennen ließ, weil er sich im Dunkeln fürchtete.

Ich lag lange wach und grübelte über den Kleinen nach. Die Schwestern konnten und durften nicht sagen, aus welchem Grund er hier war. Es war nur herauszubekommen, dass Max vor zwei Tagen an seinem sechsten Geburtstag um 22:15 Uhr eingeliefert worden war, aus einem sozial schwachen Stadtbezirk stammte und noch keinen Besuch erhalten hatte. Mir kam eine üble Geschichte in den Sinn…

Am nächsten Morgen wurde er gleich von den Krankenschwestern abgeholt und bis zum Mittagsschlaf beschäftigt. Als ich nachmittags wieder auf die Station kam, rannte er mir so schnell es seine Beine erlaubte entgegen und wollte hochgehoben werden. “Bist du jetzt mein Papa?”

Mein Sohn und er spielten den Rest des Tages miteinander und es stellte sich heraus, dass der Kleine pfiffig und witzig und ein wahres Brettspielgenie war. Es gab kaum eine Runde “Mensch ärgere dich nicht”, die er nicht gewann. Zwischendurch wollte er immer wieder auf den Arm genommen oder gekitzelt werden.

Auch an diesem Tag hatte er keinen Besuch bekommen. Abends ließ er Wasser ins Waschbecken, kletterte auf einen Stuhl und tauchte plötzlich seinen Kopf ein. Als ich ihn erschrocken wegzog erklärte er mir, dass er unter Wasser atmen könne.

An diesem Abend las ich zwei kleine Disneybücher vor und ich musste mich so zwischen die beiden Jungs setzen, dass auch Max die Bilder sehen konnte. “Was liest dir denn deine Mama für Geschichten vor?” wollte ich wissen. “Gar nichts”, kam als knappe Antwort. “Was hast du denn für Bücher zu Hause?” “Ich habe keine Bücher.”

Als nur noch das Notlicht brannte, fragte Max: “Seid ihr morgen noch da?” “Ja, aber wir können dann nach Hause.” “Kann ich bitte mitkommen - bitte?” Durch die Gitterstäbe blickten mich zwei enttäuschte und traurige Augen an, als ich ihm umständlich zu erklären versuchte, warum das nicht ginge.

Schon beim Frühstück am nächsten Tag wollte er wissen, ob wir morgen wieder da wären, ob wir ihn besuchen würden, ob er nicht mit uns mit könne, ob wir uns jetzt nie mehr wieder sehen würden. Max erfuhr dann von einer Ärztin, dass auch er “raus” käme - zu anderen Kindern, da seine Mama noch nicht wieder gesund sei.

Wir verbrachten einen schönen Vormittag miteinander. Die Jungs spielten ausgelassen miteinander und ich versuchte mir vorzustellen, wie die Geschichte von Max weitergehen wird. Im schlimmsten Fall hatte er ein zerrüttetes Zuhause, würde in ein Heim gesteckt. Vielleicht bekam er liebevolle Pflegeeltern, vielleicht war im besten Fall seine Mama aber auch wirklich nur gerade krank und es gab niemanden, der sich im Moment um ihn kümmern konnte.

Als der Moment des Abschieds kam, vergrub Max sein Gesicht in seinen Armen und schluchzte. Ich nahm den kleinen Kerl, der mich anfangs verprügeln wollte, auf den Arm, drückte ihn, brachte ihn zu den Schwestern und verließ mit meinem Sohn das Krankenhaus.

Die letzten beiden Tage sind für mich die emotionalsten und nachdenklichsten seit Jahren gewesen. Ich wünsche Max (und mir), dass seine Geschichte gut ausgeht.

12. April 2006, Kategorie Leben | RSS | Trackback

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