Abwehrschwäche bei der WM 2006
Es sind harte Zeiten für einen Fußball-Totalverweigerer wie mich, wenn alle um einen herum verrückt spielen, nur weil im eigenen Land die Fußballweltmeisterschaft stattfindet:
Da gibt es einen debilen, ferngesteuerten Fußball, der sich mit einem Plüschlöwen ohne Unterhosen unterhält, da versucht ein Topmodel eine Fußballshow zu moderieren und die Bundestrainerin Bundeskanzlerin bestellt den Bundestrainer nach einem verlorenen Testspiel ins Kanzleramt ein, um ihm ihr Vertrauen auszusprechen. Die Nation spaltete und empörte sich tagelang, als es darum ging, welcher Torhüter zur WM im Kasten stehen soll. Sämtliche Werbekampagnen schworen sich auf das Fußballsujet ein und verbreiteten Stadionatmosphäre. Selbst einige Politker redeten plötzlich in einer Art Fußballsprache.
Als dann endlich das Eröffnungsspiel begann, hatte ich so ein Gefühl der Erlösung. Es ging nun tatsächlich auch um Fußball, nicht mehr die Vermarktungsmaschinerie allein war Gegenstand der Berichterstattung. Plötzlich bevölkerten seltsam gewandete Menschen mit Kriegsbemalung die Straßen und Plätze der Stadt. Lebensmittel- und Drogeriediscounter verschleudern für ein paar Euro Deutschlandflaggen, die sich an Autoscheiben wiederfinden. Der Flora des Berliner Tiergartens rund um die Fanmeile droht trotz aufgestellter Toilettenhäuschen ein frühzeitiges Ableben durch Überdüngung. Meine Tageszeitung hat ihr Feuilleton auf eine Seite gekürzt, das Fernsehprogramm ist vollgestopft mit Wiederholungen alter Kamellen. Meine Schule hat uns (glücklicherweise) “aus sportorganisatorischen Gründen” an einem Tag früher nach Hause geschickt, damit alle ein wichtiges Spiel sehen konnten. Der Werkzeugladen um die Ecke hat heute ab 16:00 Uhr aus “WM-Gründen” geschlossen. Kurzum - die WM hat das öffentliche Leben komplett im Griff.
Sollen sie doch alle machen, wenn’s ihnen Spaß macht, habe ich mir gesagt. Mich betrifft es nicht, mich und meine Familie. Wir als kleinste Zelle der Gesellschaft nehmen an diesem Spektakel nicht teil, wir leisten erbitterten Widerstand - dachte ich, doch hier beginnt die Abwehr schon zu schwächeln: Meine Frau sieht sich jedes nur mögliche Spiel an und kommentiert und flucht, was das Zeug hält. Mein großer Sohn (sechs Jahre) erklärt mir ungefragt, welche Aufgaben ein Linienrichter während eines Spiels wahrzunehmen hat und dass er gestern mit seinem Freund zusammen “Brasilien war” und ein entscheidendes Spiel gewonnen hätte. Bis gestern lagen alle Hoffnungen auf meinem kleinen Sohn (zwei Jahre), der von dem Trubel noch nichts mitbekommt - dachte ich. Mit einem gellenden “Deutschland! Deutschlaaaand!” aus dem Kinderzimmer brachte er mir eine empfindliche Niederlage bei.