Haarscharf daneben

Inzwischen bin ich in einem Alter, wo ich zusammenzucke, wenn im Radio ein Song gespielt wird, in welchem es im Refrain “verfick dich” heißt oder die Moderatorin mit einer 0190er Stimme während eines albernen Gewinnspiels frivole Phrasen drischt und mir einschärft, ihre “Website zu checken” oder sie besser gleich für nur 49 Cent aus dem deutschen Festnetz anzurufen. Für gewöhnlich schalte ich dann um, wenn ich kann. Dieses Mal geht’s nicht, denn ich sitze beim Friseur.

Nun habe ich das Glück in einer Gegend zu wohnen, wo man von Friseursalons umzingelt ist. Mittlerweile habe ich auch schon fast alle ausprobiert. Da ist der ehemalige Showfriseur, der beim Kopfwaschen zupackt, als würde er Teig kneten. Ein Stückchen weiter arbeitet die überaus freundliche und auch überaus esotherische Friseuse, die einen perfekten Haarschnitt nur in Abstimmung mit dem Mondkalender empfiehlt. Nächste Querstraße stylt ein jung-dynamisches Team, wo einem die sehr körperbetont entkleideten gekleideten Mitarbeiterinnen gleich das “Du” anbieten und der Augenaufschlag mehr als nur das Schneiden der Haare zu versprechen scheint. Allerdings muss man hier aufpassen, dass man sich nach einer sanften Kopfmassage mit begleitender Verkaufsberatung hinterher noch traut, ohne die empfohlene Haarkur den Laden zu verlassen.

Zufrieden mit meinem Haarschnitt bin ich eigentlich nie. Meine Frau ringt sich manchmal ein “naja, nicht schlecht” oder “vielleicht ein bisschen zu kurz” ab. Also was soll’s. Gehe ich eben da hin, wo es billig ist - ich meine, wo es richtig billig ist. Mein derzeitiger Favorit gehört zu einer Kette in Berlin, die nach dem Prinzip verfährt “rein, rauf, runter, raus”. Wofür andere wenigstens eine halbe Stunde benötigen, schaffen es diese Mädels in maximal zehn bis fünfzehn Minuten. Dementsprechend ist der Laden auch immer voll mit recht gemischtem Publikum. Neben Geizkragen wie mir und überstylten Prolls sind auch häufig Rentner anzutreffen.

Was mag wohl der alte, vor sich hinbrabbelnde Opa mir gegenüber denken, wenn er gezwungen ist, bei seinem Friseur an oben beschriebenen Sternstunden deutscher Radiokultur teilzuhaben? Bestimmt fängt er gleich an zu stänkern, denke ich. Er schmunzelt aber statt dessen vor sich hin und seine Augen blitzen schelmisch. Ich folge seinem Blick und sehe, wie sich die Friseuse an einem Kunden abmüht, wobei ihr im Prinzip viel zu kleines Oberteil noch ein Stück nach oben rutscht und den Blick auf ein großflächiges Tatoo auf Bauch und Hüfte freigibt.

Nach einer Weile holt der Opa ein Handy hervor und nestelt an der Tastatur. Na, denke ich, von der Technik überfordert? Willst wohl Oma anrufen und dich beschweren, dass das hier so lange dauert und sie anweisen, dir den Eintopf warmzuhalten? Endlich findet er die Kurzwahltaste und sagt nach einer kurzen Pause zu meinem Erstaunen: “Du, pass mal auf, auf dem Tisch liegt das Ladegerät. Guckt mal, ob die Kontrollleuchte schon aus ist. - Ja, ist schon? Dann nimm sie mal bitte raus, das sind die Akkus von meiner Digitalkamera.”

Aha, es soll wohl in den Urlaub gehen und vorher muss noch schnell ein neuer Haarschnitt her. Während einen Moment später die Friseuse das Beste aus seinen Haaren zu machen versucht und der Opa sichtlich Freude daran hat, stelle ich mir vor, wie er und Oma heute oder spätestens morgen mit dem Flugzeug nach Mallorca fliegen und dann vermutlich die folgenden Tage am Strand oder am Swimmingpool herumliegen werden - eben typisch Rentner.

Als er fertig ist und bezahlt hat, streift er sich eine für sein Alter erstaunlich sportliche Jacke über, schnappt sich seine Nordic-Walking-Stöcke, grüßt freundlich und zieht forschen Schrittes los.

16. September 2006, Kategorie Leben | RSS | Trackback

3 Kommentare zu “Haarscharf daneben”

  1. Der Typ im Blog meint:

    Wer sagt denn “Verfick dich”? Kaum zu glauben! Ein voranschreitender Werteverfall, der auch schon die Renter erreicht.
    Das schöne ist, dass die Friseuse bestimmt mit Singen konnte und das wiederum bedeutet ja, dass wir uns nur nicht anpassen können. Oder?

    Grüße,
    DerTypImBlog

  2. Der Typ im Blog meint:

    ich entschuldige mich hiermit für meine Rechtschreibschwäche…(die Lehranstalt legt nicht soviel Wert daruf und reagiert lediglich mit Punktabzug:-)

  3. Chrisfried meint:

    Schöne Geschichte!

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