Agnosie
Am letzten Wochenende stand ich in einer großen Menschenmenge. Häufig löst so eine Situation bei mir Beklemmungen aus und ich fühle mich unsicher. Was, wenn diese Masse plötzlich in Bewegung gerät, wenn zum Beispiel eine Panik ausbricht? Ich betrachtete die Leute eingehend:
Manche bewegten völlig arhythmisch ihre Gliedmaßen und nickten stoisch mit dem Kopf. Einige Frauen kreisten lasziv mit den Hüften und streckten verführerisch die Arme nach vorn, andere hatten sich schon in eine Art Trance getaumelt und waren ins Schwitzen geraten. Die meisten glotzten selig in meine Richtung, eine Bierflasche in der Hand haltend, psalmodierend die Lippen bewegend.
Die Jacke in meiner Hand vibrierte, die Fußsohlen kribbelten, mein Brustkasten wurde stoßweise massiert. Ich war auf der Geburtstagsparty von Radio EINS in ein Rock/POP-Konzert geraten und stand unmittelbar vor der Bühne.
Nun bin ich ein bekennendes Weichei und ein erklärter Warmduscher und trage zu solchen Anlässen Ohrstöpsel. Als ich kurzzeitig einen herausnahm, um mich mit meinem Gegenüber zu unterhalten, hatte ich das Gefühl, neben einem startenden Kampfjet zu stehen. Die Musik, die die Band gerade spielte, war als solche gar nicht wahrzunehmen in dem Klangbrei.
Aus Mangel an Gelegenheit und Interesse meide ich derartige Veranstaltungen für gewöhnlich und bin daher etwas aus der Übung. Es ist mir aber unverständlich, wie sich erwachsene Leute sowas antun können. Kollektiver Gefühlstaumel oder Zudröhnen, um die Alltagssorgen zu verdrängen? Subkultur oder nur das Unvermögen, sich kultiviert zu unterhalten?
Böse Zungen behaupte ja, dass Leute, die die Musik derart laut hören, dass die Schallwellen den Bauch kitzeln, als Kind nicht genug gekuschelt haben. Ich behaupte, dass diese Leute früher oder später eine Hörschaden haben werden.
Mag sein, dass ich mittlerweile ein verdammter Spießer geworden bin, aber mit Kultur und Unterhaltung hat das in meinen Augen Ohren nichts mehr zu tun.
27. September 2007, Kategorie Leben, Musik | RSS | Trackback