Einmal
Mittwoch Abend, Berlin-Kreuzberg, Passionskirche. Hunderte Fans stehen in einer langen Schlange vor dem Kirchenportal noch nach Karten an, denn an diesem Abend spielen “The Swell Season“, die Band der Oscar-Gewinner 2008 für den besten Filmsong - Glen Hansard und Marketa Irglova.
Ich bin in der glücklichen Lage, eine Karte geschenkt bekommen zu haben, und gehe unter bösen Blicken mit meiner Frau an den Wartenden vorbei in die Kirche. Für mich ein komisches Gefühl, da ich bisher klassische Konzerte oder Chöre in einer Kirche gehört habe, eine Indie-Band mir in diesen heiligen Hallen hingegen nicht vorstellen kann.
Als die Vorband spielt, stelle ich fest, dass wir auf der falschen Seite der Empore stehen. So kann ich nicht auf die Tasten des Flügels sehen, denn ich will bei der ein oder anderen Stelle genau wissen, was Marketa da spielt. Aber auch nach dem Seitenwechsel wird die Sicht nicht besser, da vor uns nun ein Riese steht.
Glen Hansard tritt mit seiner durchlöcherten Gitarre, die schon einiges mit dem Musiker erlebt haben muss, auf die Stufen des Altars. Nach dem üblichen Freudengejohle einiger Konzertbesucher wird es ganz still, als der Musiker allein mit seiner Gitarre und ohne Verstärkeranlage “Say It To Me Now” anstimmt. Mir scheint plötzlich, dass diese Musik, die absolut nichts regliöses an sich hat, hier in einer Kirche genau richtig ist. Groß genug für den Klang, klein genug, um das Gefühl von Nähe zu haben. Dort, wo sonst das Evangelium verkündet wird, steht einer, der etwas mitzuteilen hat, unaufdringlich und authentisch.
Es werden Songs aus dem Film “Once” und dem aktuellen Album gespielt, teilweise solistisch, im Duett oder zurückhaltend von drei Bandmitgliedern begleitet. Man merkt neben dem Spaß und der Freude den Musikern ihre Professionalität an. Als in einem Song das Mirkophon von Marketa ausfällt, springt Glen vom Klavier auf und bringt ihr seins, um dann mit ihr gemeinsam weiterzusingen.
Ab und zu gelingt es mir, an dem Riesen vorbei einen Blick auf den Flügel zu erhaschen. Ich warte immernoch auf d e n einen Song…
Glen stellt sich immer wieder vor die Bühne und erzählt dem Publikum etwas über die Songs, ihre Entstehung, ihren Inhalt. So hört man die mit einem Augenzwinkern erzählte Geschichte von einer Geisterbeschwörerin, die die Geister zweier Brüder aus dem 14. Jahrhundert durch die Augen ihres Mannes zum Licht geführt hat oder von Klaus Kinski und Fitzcarraldo. Er erzählt von der häufig gestörten Balance zwischen Herz und Verstand, die beide nicht miteinander kommunizieren würden: “Das Herz weiß, der Verstand denkt!”
Endlich kommt das Lied “Falling Slowly”, der Riese hat sich in der Zwischenzeit hingekniet und ich habe freie Sicht. Ein Blick zur Gitarre - aha, Glen greift das tiefe “F” tatsächlich mit dem Daumen. Gerade will ich auf die Tastatur des Flügels sehen, als wieder das Mikrophon ausfällt und Glen zu Marketa an den Flügel eilt, um in ihr Mikrophon zu singen. Damit verdeckt er mir die Sicht und aus dem “Abgucken” wird nichts, was mir aber in diesem Moment völlig egal ist.
Irgendwann in einem späteren sehr ruhigen Song will Glen den Refrain vom Publikum mitsingen lassen. Eine Frauenstimme trötet besonders laut und falsch mit. Nach einem zweiten missglückten Versuch macht Glen eine witzige Bemerkung dazu, worauf er von eben dieser Frau von der Empore herunter angepöbelt wird. Er nimmt’s gelassen und lässt seinen Bassisten weitersingen.
Einziger Wermutstropfen an diesem Abend sind jene Konzertbesucher, die ihre Bierflaschen nicht unter Kontrolle haben, die ständig ihre Handys oder Digi-Cams hochhalten und knipsen, die laut und unpassend mitsingen, kreischen und johlen, was bei dieser Art von Musik nach meiner Ansicht unpassend oder störend und für ein Publikum über Dreißig etwas verwunderlich ist.
Als das Konzert nach zwei Stunden und zwei Zugaben zu Ende ist, gehe ich mit dem Gefühl nach Hause, eine Fortsetzung des Films (Once) gesehen zu haben. “And the OSCAR goes to…”
Edit: Wie nicht anders zu erwarten, tauchten bei youtube auch Videos vom Konzert auf. Ein Klick auf das hier eingebundene Videozeigt den von mir beschriebenen Mikrofonwechsel.