But und Göse

Es heißt, dass man sich immer an die Ereignisse besonders gut erinnern kann, die mit starken Emotionen verknüpft sind. Aber heute, am 9. November 2009, kann ich mich gerade beim besten Willen nicht erinnern, was ich vor zwanzig Jahren nach 18:53 Uhr gemacht habe.

Ich befand mich im Norden des Landes auf einer Insel in einer Einheit der NVA und musste meinen “Ehrendienst” ableisten, der im Wesentlichen aus Empfangen und Weiterleiten von sinnlosen Morsezeichen bestand.

Was war die Welt doch damals einfach zu erklären! Sie war geteilt in Ost und West und man hatte ein klares Feindbild: Wir sind die Guten und die Anderen sind die Bösen – jedenfalls wurde uns das so erzählt.

Nachdem sich so ein Betonkopf verquatscht hatte und endlich die Grenzen geöffnet wurden, stellte sich nach und nach heraus, dass die anderen die Guten und wir die Bösen sind – jedenfalls wurde uns das so erzählt.

Bald hieß es auf den berühmten Montagsdemos nicht mehr “Wir sind das Volk!” sondern “Wir sind ein Volk!”. Es sollte zusammenwachsen, was zusammen gehört, niemandem sollte es schlechter gehen und blühende Landschaften wurden vorhergesagt. Wie man sich doch täuschen kann.

Es gingen von den nunmehr Bösen immer mehr zu den inzwischen Guten, weil viele hier kaum noch Arbeit fanden. Ganze Landstriche wurden abgewickelt oder für eine symbolische (D-)Mark verkauft. Immer mehr Gute kamen zu uns, um uns zu erklären, wie die Welt ihre Welt funktioniert.

Heute, zwanzig Jahre später, wohne ich in einem Ostberliner Stadtbezirk, in dem inzwischen mehr Gute als Böse wohnen. Ich frage mich manchmal, ob das nun ausgleichende Gerechtigkeit oder Ironie des Schicksals ist. Ein Freund von mir würde jetzt sagen: “Dafür bin ich nicht vor zwanzig Jahren auf die Straße gegangen und habe mich von der Stasi verprügeln lassen!”

Wenn ich mich jetzt recht erinnere, habe ich vor genau zwanzig Jahren um diese Zeit geschlafen, tief und fest.

9. November 2009, Kategorie Leben | RSS | Trackback Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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